Die aktuelle Monatsausgabe

Marionetten

Marionetten im Altonaer Museum
im Altonaer Museum

19 Marionetten, überwiegend aus den 1920er Jahren, die in einer Sammlung des Altonaer Museums beherbergt sind, wurden im Rahmen der Praxisphase im Studiengang Präventive Konservierung der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen (HAWK Hildesheim) in der Restaurierungswerkstatt des Museums aufwändig gesichert und fachgerecht konserviert. Im Rahmen einer Kabinett-Ausstellung werden diese im kulturhistorischen Kontext sehr originellen Marionettenfiguren nun mit ihren neuen, sichernden Verpackungen vorgestellt, um Fragen zum restauratorisch höchst anspruchsvollen Themenbereich „Präventive Konservierung“ gleichsam zu erläutern. „Präventive Konservierung“: so nennt sich der Studiengang für Restauratoren an der HAWK, in dem zunächst – als Basis für den Masterstudiengang „Konservierung und Restaurierung“ – unter anderem die Grundlagen der Konservierung, Magazinierung und Museologie erlernen. Ziel ist es, Objekte im Museum unter optimalen Bedingungen so zu lagern und zu pflegen, dass aufwendige, teure oder gar objektverfälschende Restaurierungen nicht mehr erforderlich sind oder notwendig werden, die durch Licht und Schäden durch Licht, Klima und Klimamessungen im Museum entstehen oder entstanden sind. Was bewirken falsches Klima, Staub, Schädlinge - Insekten und Mikroorganismen - Schadstoffe und Gase, Vandalismus und Nutzung, Magazinierung in Museen, Neukonzeptionierung des Spielzeugmagazins, Verpackung der Marionettenfiguren, Materialien für die Verpackungen?

Hanno Alsen, Student dieses Studienganges mit Fachrichtung „Möbel und Holzobjekte“, arbeitete in seiner Praxisphase im Altonaer Museum, im Winter 2009/2010 an einer Neukonzeptionierung des Spielzeugmagazins. Im Zuge dieser Neukonzeptionierung entstanden neue Verpackungen für Marionetten als präventiv-konservatorische Maßnahme. Marionetten stellen durch die verwendeten verschiedensten Materialien, eine große restauratorische bzw. konservatorische Herausforderung dar. Hanno Alsen hat sich diesen zahlenmäßig überschaubaren Komplex in der Spielzeugsammlung des Altonaer Museums selbst ausgesucht und der Herausforderung in einer Arbeit zur vorbeugenden Konservierung gestellt. Solche vorausschauenden Maßnahmen dienen der Verhinderung von Schäden, die am Sammlungsort (Museum) durch ungeeignete Temperaturen, Feuchtigkeit, Staubbelastung, tierische und pflanzliche Schädlinge entstehen können. Die vorbeugende Konservierung muss mögliche schlechte Bedingungen vorausahnen und möglichst ohne Eingriffe den Objektsubstanz entgegenwirken. Hierbei entstanden die vorliegenden eindrucksvollen Verpackungen für Marionetten, die hängend und staubgeschützt aber klimadurchlässig belüftet gesichert sind. Die Lagerbedingungen können so optimiert werden, dass aufwendige, kostenintensive, oft auch die Original-Objektquelle verfälschende restauratorische Eingriffe weitgehend vermeidet werden können. So lässt sich dem Ziel, das kulturgeschichtliche Objekt als unverfälschte Quelle für kommende Zeiten zu erhalten, nahe kommen.

Marionetten . . .

. . . sind die Spielfiguren eines Puppen-Theaters - die verkleinerten Abbilder fiktiver Personen oder lebender Schauspieler. Sie können dreidimensional sein und als Handpuppen oder beweglicher mit allen Gliedern und Gelenken als Marionetten daherkommen. Einfacher sind die „flachen“ zweidimensionalen Puppentheaterakteure im Schattentheater oder dem Papiertheater, das mit Ausschneidebögen und Rollenheften der lithografischen Verlage (wie Schreiber in Esslingen) in der 2. Hälfte des 19. Jh. in der bürgerlichen Familie als Bildungsspielzeug sich außerordentlicher Beliebtheit erfreute und mit guten Beispielen intakter Druckbögen und montierten Theatern in der Sammlung des Altonaer Museums vertreten sind. Seinen Ursprung hat das Spiel mit den Handpuppen vermutlich im Orient, von wo aus es durch wandernde Schausteller im Mittelalter nach Europa gelang.

Wegen seiner einfachen Herstellung und der beschränkten Bewegungsfolge waren sie auch für Laien  im privaten Bereich geeignet. Auf Jahrmärkten und Rummelplätzen waren die Handpuppen sehr beliebt und sind sogar bis heute als „Verkehrskasper“ didaktisch im Einsatz. Das viel aufwändigere Marionettenspiel - seit dem 14. Jh. überliefert - hingegen, arbeitet mit plastischen, voll beweglichen, an fast unsichtbaren Fäden aufgehängten und bewegten Figuren, die in virtuoser Führung des Spielers die Illusion selbstbewegten Lebens erzeugen. Marionetten werden meist durch darauf spezialisierte Schaustellerfamilien hergestellt und auf Tourneen von Ort zu Ort bespielt mit einem volkstümlichen, einfachen, beschränkten Repertoire. Beliebt war über Jahrhunderte „Dr. Johann Faustus“. Die Marionettensammlung des Altonaer Museums entstammt zweier unterschiedlicher Quellen. Zum einen von unbekanntem Hersteller aus Prag, zum anderen, und das ist die größere Gruppe mit gesicherter Provenienz und norddeutschem Bezug:

Die Puppen der Familie Götze

Der Vorbesitzer, Dr. Hans Stukla, Hannover hatte diese 15 Marionetten in den 1960er Jahren erworben und 1973 an das Altonaer Museum veräußert. Hierzu schrieb er folgende Fundgeschichte: „Anlässlich einer Familienfeier besuchte ich Mitte der 1960er Jahre einen kleinen Ort am Rande der Brandenburgischen Seenplatte. Bei einem Bummel am malerischen Seeufer entlang entdeckte ich auf einem kleinen Hügel mehrere alte Wohnwagen ohne Räder, die offensichtlich doch bewohnt waren. Dort lebte eine alte Dame, die einer sehr alten, bereits aber in den 1940er Jahren ausgestorbenen Marionettenspieler-Familie entstammte. Sie selbst war noch mit einem kleinen Wander-Varieté durch Norddeutschland gezogen. Von ihren Großeltern hatte sie einen riesengroßen Reisekoffer geerbt, in dem sich alte Marionettenpuppen befanden, deren Ursprung sich bis zur Mitte des 19. Jh. nachweisen ließ. Da sie ohne Anhang war und nur von einer kleinen Rente lebte, kaufte ich ihr die Puppen ab und brachte sie nach und nach in die Bundesrepublik. Aus Erzählungen ihrer Großeltern wusste sie zu berichten, dass diese hauptsächlich in den Küstenorten und küstennahen Gebieten Mecklenburgs, Schleswig-Holsteins und Niedersachsens sowie in den Randgebieten der Städte Hamburg, Bremen, Lübeck, Rostock und Stralsund gespielt hatten. Nach Öffnen des alten Reisekoffers, der zur Aufbewahrung der Puppen gedient hatte, und der über und über mit alten Hotel- und Ortszetteln des norddeutschen Raums beklebt war, kamen 15 Marionetten zum Vorschein: 1. Kasper mit beweglichem Kinn und beweglichen Augen; 2. Seppel als Page; 3. Seeräuber; 4. Kunstturner mit Reckstange; 5. Sänger mit beweglichem Kinn, beweglicher Augenklappe und später eingebautem Lautsprecher; 6. Soldat; 7. Professor; 8. Bauer; 9. Neger mit beweglichem Kinn; 10. Insulaner mit beweglichem Kinn; 11. Jockey (alter Kopf, neue Kleider); 12. Gretel; 13. Großmutter mit beweglichem Kinn; 14. Hexe mit beweglichem Kinn; 15. Stoffhund“.

Die alte Dame hieß Götze, offenbar war sie die Enkelin des Puppenschnitzers und Spielers Wilhelm Götze (1871-1954) aus Wusterwitz. Entstanden sind die Figuren vermutlich zwischen 1900 und 1920. Teilweise sind die Hände, Füße und Köpfe aus Holz geschnitzt, mitunter jedoch aus Pappmache auf einem Holzgerippe. Teilweise sind die Rumpfgelenke genagelt, mitunter ist die Beweglichkeit jedoch mit Lederstreifen ermöglicht oder mit Stoffstreifen. Kopf- und Barthaare sind teils aus Rosshaar teils aus Fell gestaltet. Die Lebendigkeit wird mit Glasaugen unterstrichen. Naturalistische Bemalung und selbstgeschneiderte Kleidung vollenden die lebendige Wirkung. Ihre Beweglichkeit wird über hölzerne Spielkreuze reguliert.

Präventive Konservierung – was ist das? 5. Mai bis 27. Juni 2010 im Altonaer Museum.